Kneipenleser gehören nicht unter den Weihnachtsbaum!

Einem Kneipenleser ein Zuhause zu geben, ist eine langfristige und verantwortungsvolle Aufgabe. Diese Entscheidung zu treffen, bedarf intensiver Überlegung und sollte nicht an einem Feiertag wie Weihnachten festgemacht werden. Leichtfertigkeit, Mitleidskäufe kurz vor Weihnachten oder der Wunsch der Ehefrau nach einem vorlesenden Freund mögen Auslöser für den Kauf eines Kneipenlesers sein. Wir appellieren an alle Literaturfreunde, dem Reiz der niedlichen Kneipenleser zu widerstehen – denn Kneipenleser sind Lebewesen und keine Handelsware, die wie ein Buch nach Weihnachten einfach wieder umgetauscht werden können.
Alle Jahre wieder werden Kneipenleser nach dem Weihnachtsfest in den ohnehin schon überfüllten Kneipenlesungs-Cafés abgegeben. Im schlimmsten Fall werden sie sogar einfach ausgesetzt oder bei einem bevorstehenden Umzug zurückgelassen. Die Gründe sind vielfältig: Der Mietvertrag untersagt die Kneipenleserhaltung, aus der niedlichem Vorleserin wird eine Hasspredigerin, der Vorleser beginnt streng zu riechen oder der Kneipenlesungsmusiker hinterlässt Pfützen in der Wohnung. Immer wieder werden Halter von den hohen Kosten der Kneipenleserhaltung überrascht, weil sie sich zuvor nicht ausführlich mit der Thematik beschäftigt haben: Neben den regelmäßigen Kioskbesuchen zur Wodka- oder Persico-Eindeckung kann der Besuch der Buchhandlung schnell zu einem hohen Kostenfaktor werden, wenn der Lesedurst des Literaturfreunds ausufert.
Manche Menschen sind nicht dazu bereit, oder ihre Lebenssituation erlaubt es nicht, langfristig die Betreuung eines Kneipenlesers zu übernehmen. Insbesondere Kinder verlieren schnell das Interesse an einem Kneipenleser. Verschenken Sie daher zu Weihnachten bitte keine Kneipenleser, sondern Bücher, die allen – Vorlesern und Vorgelesenen – Freude bereiten.
Und denken Sie daran: Kneipenleser sind vom Umtausch ausgeschlossen.
Wenn Sie auch nach Weihnachten noch bereit sind, einem Kneipenleser ein neues Zuhause zu schenken, dann besuchen Sie bitte das örtliche Kneipenlesungs-Café: Die Cafés sind voll von heimatlosen Vorleserinnen und Vorlesern, die nicht mehr in den Lebensentwurf ihrer ehemaligen Besitzer gepasst haben. Jeder einzelne Kneipenleser wartet hier auf ein neues Zuhause, einige schon seit Jahren.

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