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Anekdote des Monats

Die Linksrheinische!??

Wussten Sie schon, dass Schumanns Rheinische Symphonie gar nicht von Schumann, sondern von Brahms ist? Jahaaa, da staunt der Fachmann – und der Laie wundert, wie es so schön heißt, sich!
Nicht, dass Schumann keine Rheinische Symphonie geschrieben hätte. Aber – da muss nun etwas ausgeholt werden:
Damals, in den 1850er Jahren wohnte Brahms, lebenslustig und, obwohl gebürtiger Hamburger, könnte man eigentlich fast schon sagen: vom eher linksrheinischen Typus, zeitweilig bei Clara und Robert Schumann in Düsseldorf. Und dort spielte man sich gegenseitig allerlei Musikalisches vor. So auch eines langen nebeltristen Novemberabends der vom Düsseldorfer und damit rechtsrheinischen Mief seelisch schon arg ramponierte Schumann etwas, über das Lästerzunge Brahms witzelte, dass es sich derart schwerblütig, regennass und lehmerdig anhöre, dass man es unmöglich „Rheinische Symphonie“, eher vielleicht „Et schäälsickije Rääquiemscher“ nennen könne. Rheinisch würde gaaanz anders, nämlich so klingen: und nun haute Brahms kurzerhand das uns von Schumann bekannte Rheinische Symphonie-Thema – man höre die Titelmusik der WDR-Sendung „Hier und heute“ – ins Schifferklavier, das er ja, wie man weiß, als Hamburger immer am Gürtel und überallhin mitzuschleppen pflegte. Dieses Gedudel, so regte Schumann sich nun aber auf, sei Pfuiteufel! Und allenfalls linksrheinisch! Woraufhin Brahms dann meinte, ein wenig Linksrheinischkeit würde Schumann ganz gut zu Gesicht stehen. Woraufhin Schumann sich empörte, Unreinlichkeit sei ja wohl das Letzte, das man ihm vorwerfen könne. Woraufhin Claras und Brahmsens alberner Lachanfall Robert in bitterste Depressionen stürzte. Woraufhin Robert – woraufhin Johannes – woraufhin Clara – endlich! – ihren Robert in eine Kutsche verfrachtete: Ziel – die linksrheinische Heilanstalt in Endenich, die dann aber bekanntermaßen auch nichts mehr nützte.
Zu guter Letzt wurden von den in Düsseldorf Verbliebenen noch die beiden Werke getauscht – Brahms ursprünglich Linksrheinische wurde Schumanns Rheinische, Schumanns ursprünglich Rheinische im Gegenzug – und aufgepeppt mit etwas Text für Chor – Brahms Deutsches Requiem: fertig war die Lauge.
Sagen Sie jetzt nicht: steile These!
Es ist nämlich mehr als das: die Wahrheit! Nichts als die linksrheinische Wahrheit!
Jedenfalls so wahr ich mir geholfen hätte, wäre da nicht erst kürzlich im Brahms’schen Nachlass ein in ungelenker Kinderschrift bekritzeltes und „Dnjeprische Polka“ betiteltes Notenblatt eines gewissen „Kolja“ aufgetaucht, das inzwischen eindeutig Nikolai Rimski-Korsakow zugeschrieben werden konnte!
Man höre und staune:

Anekdote des Monats

Wussten Sie schon,
dass der große Johann Sebastian Bach eigentlich Jovan Sebastijan Potok hieß, sich seiner bosnischen Wurzeln aber derart schämte, dass er anno 1708 bei seiner Übersiedlung von Ilidža nach Weimar sich nicht einfach nur umbenannte, sondern seine gesamte Vergangenheit neu erfand, ja im Laufe der Zeit sogar seine aus der Heimat mitgebrachten Kompositionen umschrieb? Ein Großteil seiner Musik war ursprünglich im auf dem Balkan so beliebten 7/8-Rhythmus geschrieben. Erst 1722 in Köthen wurden beispielsweise aus den wilden „Preludija i fuge“ des „Vruća Harmonika“ die langweiligen Präludien und Fugen des wohltemperierten Klaviers.
Und erst jetzt, nachdem eine banja-lukische Raumpflegerin im Fundus des Bach-Archivs Leipzig auf die originalen Manuskripte des C-Dur-Präludiums stieß und ihre Entdeckung publik machte, scheint man sich langsam damit abzufinden, dass der berühmteste Thüringer und sechstberühmteste Deutsche – ein Bosnier ist.
Hier ein Exzerpt der o.g. Komposition für Akkordeon* und Hackbrett:

*: Unglaublich auch, wie weit der geniale Potok seiner Zeit voraus war: für ein Instrument zu komponieren, bevor es überhaupt erfunden war!

Liedkram des Monats

Kam ’s Brahms?

Vergeblich frugen sich die Biographen:
Mit welchen Fraun hat Brahms jemals geschlafen?
Wie lief ’s bei ihm denn so im Sexuellen?
Tja, hierzu schweigen leider alle Quellen!

Zwar schrieb der Alte eine Menge Briefe.
Doch gingen die nicht wirklich in die Tiefe.
Der ganze Nachlass gibt nichts her,
was zu verwerten wär.

Kam ’s Brahms?
Wenn ja, wie oft kam ’s Brahms?
Kam ’s laut und nur ausnahms-
weise auch mal leise?
Und kam es Brahms ausnahms-
los nur grandios?

Wurd ’s erst beim dreigestrich’nen as
in Brahmsschen Hosen richtig nass?
Und kam, wenn Clara Schumann keuchte,
zur Nässe auch noch etwas Feuchte?

Die Antwort dürfte sich beträchtlich lohnen.
Die Nachwelt dürstet halt nach Sensationen.
Und das Verlagsgeschäft, das brummt
nur dann, wenn’s untenrumt:

Kam ’s Brahms
auch manchmal auf sein Wams?
Zur Hymne Nordvietnams?
Im Namen des Islams?
Ich sag’s Euch, ich vernahm ’s:
Nur bei Sonatenkrams!

Dichtkram des Monats

EM 2000

Zum Jahre Null gäb ’s manches zu erwähnen,
im Vorfeld kam uns Schlimmes schon zu Ohren:
in allen Mannschaftsteilen ein Rumoren.
Das Fazit: ein Tor besser als die Dänen.

Mit Gerhard Delling bei den Analysen
im Ganzen tolerabel: Günter Netzer.
Im Zweiten macht ein Kürten uns den Schwätzer.
Und Ribbeck drückt auf alle Tränendrüsen.

Die Deutschen gehen unter wie die Briten.
Slovenien ist zum ersten Mal dabei,
genauso wie die Herrn aus der Türkei.
Doch später sieht man nur noch Favoriten.

Neunstelliges muss man für Figo zahlen.
Herr Netzer kann sich zwar für ihn erwärmen,
doch bringt ein andrer diesen erst zum schwärmen
(Man sieht: wir nähern uns den Halbfinalen.):

Den Knock-out setzt ein Zinedine Zidane
nach scharfen portugiesischen Protesten
bei Schieds- und Linienrichtern, den gestressten,
mit einer scharf gezirkelten Banane.

Oranjes erster Elfer schwach geschossen,
beim zweiten Kluivert sauber an den Pfosten,
beim dritten, vierten Toldo auf dem Posten,
beim fünften Rijkaarts Untergang beschlossen.

In Deutschland, klagt es aus der Sportbeilage,
ist das Finale nur noch Nebensache.
Im Sommerloch kommt anderes zur Sprache:
die wochenlange Bundestrainerfrage.

Ganz eklatant war das Süd-Nord-Gefälle.
Doch davon vielleicht mehr an andrer Stelle.

Kneipenleser gehören nicht unter den Weihnachtsbaum!

Einem Kneipenleser ein Zuhause zu geben, ist eine langfristige und verantwortungsvolle Aufgabe. Diese Entscheidung zu treffen, bedarf intensiver Überlegung und sollte nicht an einem Feiertag wie Weihnachten festgemacht werden. Leichtfertigkeit, Mitleidskäufe kurz vor Weihnachten oder der Wunsch der Ehefrau nach einem vorlesenden Freund mögen Auslöser für den Kauf eines Kneipenlesers sein. Wir appellieren an alle Literaturfreunde, dem Reiz der niedlichen Kneipenleser zu widerstehen – denn Kneipenleser sind Lebewesen und keine Handelsware, die wie ein Buch nach Weihnachten einfach wieder umgetauscht werden können.
Alle Jahre wieder werden Kneipenleser nach dem Weihnachtsfest in den ohnehin schon überfüllten Kneipenlesungs-Cafés abgegeben. Im schlimmsten Fall werden sie sogar einfach ausgesetzt oder bei einem bevorstehenden Umzug zurückgelassen. Die Gründe sind vielfältig: Der Mietvertrag untersagt die Kneipenleserhaltung, aus der niedlichem Vorleserin wird eine Hasspredigerin, der Vorleser beginnt streng zu riechen oder der Kneipenlesungsmusiker hinterlässt Pfützen in der Wohnung. Immer wieder werden Halter von den hohen Kosten der Kneipenleserhaltung überrascht, weil sie sich zuvor nicht ausführlich mit der Thematik beschäftigt haben: Neben den regelmäßigen Kioskbesuchen zur Wodka- oder Persico-Eindeckung kann der Besuch der Buchhandlung schnell zu einem hohen Kostenfaktor werden, wenn der Lesedurst des Literaturfreunds ausufert.
Manche Menschen sind nicht dazu bereit, oder ihre Lebenssituation erlaubt es nicht, langfristig die Betreuung eines Kneipenlesers zu übernehmen. Insbesondere Kinder verlieren schnell das Interesse an einem Kneipenleser. Verschenken Sie daher zu Weihnachten bitte keine Kneipenleser, sondern Bücher, die allen – Vorlesern und Vorgelesenen – Freude bereiten.
Und denken Sie daran: Kneipenleser sind vom Umtausch ausgeschlossen.
Wenn Sie auch nach Weihnachten noch bereit sind, einem Kneipenleser ein neues Zuhause zu schenken, dann besuchen Sie bitte das örtliche Kneipenlesungs-Café: Die Cafés sind voll von heimatlosen Vorleserinnen und Vorlesern, die nicht mehr in den Lebensentwurf ihrer ehemaligen Besitzer gepasst haben. Jeder einzelne Kneipenleser wartet hier auf ein neues Zuhause, einige schon seit Jahren.