Alle Beiträge von Helga Uffelmann

Unentdeckte Bücherschätze

Wer am letzten Samstag bei der Kneipenlesung war, der weiß nicht nur daß wir in Paderborn die alte Kulturtechnik beherrschen den Mond mit der Stange weiter zu schieben , sondern auch, daß ich in einem Anfall von Mondsucht das falsche Buch dabei hatte.

Zu meinem Glück war es wenigstens der der richtige Autor, Ray Bradbury.

Im nächsten Jahr jährt sich sein Geburtstag zum hundertsten Mal und ich kenne wenige Autoren deren Zukunftsvisionen so häufig Wirklichkeit wurden.

Eigentlich wollte ich  „Das Raumschiff“ aus „Der illustrierte Mann“ lesen, eine Geschichte in der ein armer Schrottplatzbesitzer seinen Kindern einen Flug zum Mond ermöglicht.

Da ich mir in der Eile „Die goldenen Äpfel der Sonne“ geschnappt hatte (beide Bücher sind bei Diogenes erschienen mit schwarz-gelben Einband und zerlesen wie es sich für geliebte Bücher gehört), entschied ich mich für den Beginn des Textes „Die Wildnis“ in der zwei Frauen im Jahr 2003 ihren Männern auf den Mars hinterher reisen.

Gut, ich muss zugeben, daß dies eine der Zukunftsvisionen Ray Bradburys ist die noch nicht Wirklichkeit wurde.

Wer aber die Geschichte „Der Mörder“ liest in der ein Mann der Tyrannei endlos quasselnder Elektrogeräte, automatischer Häusern, sprechender Armbanduhren und einer pausenloser Musikbeschallung entgegen tritt indem er anfängt diese Gegenstände mit französischem Schokoladeneis zu übergiessen, der muss sich doch die Frage stellen wie Ray Bradbury diese Entwicklung vor fast 70 Jahren voraussehen konnte.

Aber nicht nur die Zukunft, sonder auch die Gegenwart der 50er und 60er Jahre ist Thema in seinen Geschichten.

Rassentrennung, Emigration, ja auch diese seltsame Tätowierungssucht (nur eine kleine Rose über dem Knöchel und natürlich die Namen meiner Kinder in japanischen Schriftzeichen-wie schreibt man Kevin und Tschakkeliene-Tschantalle noch mal auf japanisch?) sind seine Themen.

Ich lege unseren Zuhörern beide Bücher als Urlaubslektüre ans Herz. Lest sie am Strand, in den Bergen, beim Paragliding, im Eiscafé , im Garten, auf dem Sofa, Balkon und natürlich im Bett. Lasst Euch vorlesen, lest dem oder der Liebsten vor.

Und wenn Ihr zu den Leuten gehört, die die Welt nur durch die Kameralinse wahrnehmen können, dann empfehle ich „Sonne und Schatten“ aus „Die goldenen Äpfel der Sonne“.

Vielleicht trefft Ihr Euren ganz persönlichen Ricardo.

Und kommt zur Kneipenlesung im September.

Unentdeckte Bücherschätze

Immer wieder passiert es mir, daß ich auf der Suche nach Texten für die Kneipenlesung über Bücher und Geschichten stolpere die mich begeistern. Leider sind sie manchmal doch nicht so ganz zum Thema passend wie ich dachte oder einfach nicht so kürzbar das sie in das Lesungskonzept passen. Häufig passiert es mir, daß ich nach der Lesung einen Text finde der gut zum Thema gepasst hätte.

Inzwischen führe ich eine Liste dieser Bücher um sie vielleicht später noch mal bei
einem anderen Thema einzubringen.

Teilweise sind es Neuerscheinungen, teilweise einfach Bücher die ich gerade entdeckt habe und ganz bestimmt werde ich immer wieder meine Lieblingsautoren wie Irmgard Keun, Elizabeth von Arnim, Bill Bryson oder Sandra Dallas reinmogeln.

Hier werde ich in lockerer Folge meine Fundstücke vorstellen.

„Bienensterben“ Lisa O`Donnell

Einen starken Magen sollte man schon haben um einige Szenen zu überstehen. Trotzdem ist es keiner dieser Metzger-Krimis auch wenn die Rückseite des Einbands die Aufschrift trägt „Heute ist Weihnachten, Heute bin ich 15 Jahre geworden, Heute habe ich unsere Eltern im Garten begraben“.
Eine Reihenhaussiedlung im sozialen Brennpunkt von Glasgow, zwei Schwestern wie sie unterschiedlicher nicht sein könnten.
Zwei Schwestern die sich nerven und trotzdem aneinander hängen wie es nur Geschwister können.

Aufgewachsen mit zwei Erwachsenen deren Beitrag zur elterlichen Fürsorge aus psychischem und physischem Mißbrauch und einer gelegentlichen Pfundnote für eine Portion Pommes besteht.
Die ältere Schwester, Marnie, arbeitet beim Dealer des Vaters dessen Schulden ab, die jüngere, Nelly, kapselt sich ein in ihrer eigenen Welt die mit der Realität nichts zu tun hat.

Der wegen Kindesmißbrauch vorbestrafte Nachbar wird ihr Unterstützer der die Wahrheit ahnt.

Richtig kompliziert wird es als der Dealer misstrauisch wird und zusätzlich der Großvater mütterlicherseits auftaucht und beginnt Fragen zu stellen.
Spannend bis zur letzten Seite.

Ich scheitere am Altern – Heiter scheitern

Der Volksmund, der ja so vieles besser und manchmal sogar gut zu benennen weiss, sagt ja man sei so alt wie man sich fühle.

Ich scheitere nicht nur daran mich selbst altersgemäß zu fühlen, sondern auch daran andere Menschen altersgerecht einzuordnen. Größe und Aussehen sind mir da keine wirkliche Hilfe. Ab 24 Monaten aufwärts bin ich aufs Nachfragen angewiesen und auch die Tatsache, daß Grundschulkinder ja gelegentlich noch mit dem Buggy bis zur Tür des Klassenzimmers gefahren werden, macht es für mich nicht einfacher.
Als Jugendliche war meine oberste Präferenz ,das Alter betreffend, endlich 18 zu werden. Ob mich jemand für älter oder jünger hielt, war mir egal und ausgesprochen unwichtig. Deshalb hat sich mir auch noch nie erschlossen warum manche Menschen beharrlich seit Jahren ihren 29. Geburtstag feiern. Das provoziert doch die Antwort „Echt? Du siehst aber viel älter aus”.

Irgendwie war ich immer zu beschäftigt um altersgerecht zu verzweifeln. Mit 30 war ich alleinerziehend mit einem Säugling und die Anzahl meiner Falten mein geringstes Problem.
Mit 40 hatte ich die Diagnose einer chronischen Krankheit und war wie wild damit beschäftigt irgendwie damit zurecht zu kommen und meine Existenz zu sichern.

Der fünfzigste Geburtstag barg keine Schrecken weil selbige Krankheit mir einen Mann beschert hat der mich sein junges Ding nennt weil ich ein halbes Jahr jünger bin als er. Nichts macht so alt wie der verzweifelte Versuch jünger zu wirken. Und nichts hält so jung wie einfach zu machen wozu man gerade Lust hat und was die Situation hergibt.

Wenn mein Schatz mit seinen 53 Jahren an keiner Mauer und keiner Einfassung vorbei kann ohne darauf zu balancieren macht ihn das in meinen Augen sehr viel jugendlicher als einen 40 jährigen der sein Bike in den SUV packt und damit 30 Kilometer in die Landschaft fährt um Sport zu treiben.

Und wenn er bei Minusgraden bis zur Wade in die Lippe steigt während ich quiekend am Ufer auf und ab tigere, würde sich jeder rundum erneuerte und faltenunterspritzte Fitnessjünger mit Grausen abwenden.
Seine Mutter hat sich mit 82 noch einmal Ohrlöcher stechen lassen. Und das finde ich um Ecken lässiger als jedes Nippel-Piercing einer 40-jährigen. Übrigens werde ich öfters jünger geschätzt seit ich meine Haare nicht mehr färbe.

Auch hier weiss der Volksmund Rat. „Schnee auf dem Dach, aber im Kamin ist noch Feuer.”

Von Helga in der Reihe „Heiter scheitern