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Gegen die Langeweile – Fritz

Man kann vor lauter Lesen schon mal verrückt werden, der Welt entrücken, seine Sachen zusammensuchen und als edler Ritter durch die Welt ziehen wollen. Vorsicht bei zu viel Leselektüre in diesem verrückten Frühjahr – Miguel de Cervantes Saavedra ahnte gegen Ende des 16. Jahrhunderts wohl schon genau das, als er seinen Hidalgo von der traurigen Gestalt erschuf. Die deutsche Übersetzung lieferte Ludwig Tieck etwa einhundert Jahre später. Lasst euch entführen in eine Welt, die noch Helden hatte.

Gegen die Langeweile – Maria

Gerade in Krisenzeiten wie diesen kann man gern schon mal vom gutmütigen Doktor Jekyll zum finsteren Mister Hyde werden, wenn einem die Decke auf den Kopf fällt. Ob als Hörspiel oder als Printversion: „Der seltsame Fall des Doktor Jekyll und des Herrn Hyde“ fasziniert Maria schon seit Langem, weswegen sie sich jetzt kurzerhand dazu entschlossen hat, das erste Kapitel einzulesen.

Robert Louis Stevenson „Der seltsame Fall des Doktor Jekyll und des Herrn Hyde“ beim Projekt Gutenberg-DE.

Gegen die Langeweile – Anne

Um ein bisschen was gegen die Langeweile zu tun, haben wir angefangen, Texte aufzunehmen. Den Anfang macht Anne mit „Die Maske des roten Todes“ von Edgar Allan Poe – ihrem Lieblingsvorlesetext.

Edgar Allan Poe „Die Maske des roten Todes“ beim Projekt Gutenberg-DE.

Ich scheitere am Scheitern – Heiter scheitern

Gestern Abend wollte ich kurz vor dem Abendessen nur schnell Brot und Tomaten kaufen. Es war unerwarteterweise auf dem Parkplatz des Einkaufszentrums sehr voll, deshalb habe ich mein Auto kurzerhand auf einen freien Familienparkplatz geparkt.

Heute Morgen tut mir das leid und ich möchte demütig dafür etwas büßen. Gut, dass eine Freundin einen Babysitter für ihren Dreijährigen sucht – ich habe mich sofort gemeldet.

Auf dem Weg klingelt mein Telefon, dummerweise ist das Handy im Auto entkoppelt. An der nächsten roten Ampel werde ich die Verbindung wieder einrichten. Allerdings wird daraus nichts, denn trotz dichtem Samstagmorgen-Verkehr komme ich, ohne anzuhalten, über alle Kreuzungen bei Grün. Das Telefon klingelt munter zum dritten Mal.

Bei der Freundin angekommen, erfahre ich, dass sie versucht hat, mich zu erreichen, da die 15-jährige Nachbarin das Babysitten bereitwillig übernommen hat. Weil ich ja noch Buße tun muss, biete ich an, mit dem Kleinen zu spielen, er steht nämlich im Hausflur und trägt schwer an einer Kiste Memory. Die 15-Jährige versucht noch, mich abzuwimmeln, aber das lasse ich nicht zu, ich habe schließlich eine Aufgabe zu erledigen.

Es stellt sich raus, dass der Kleine noch nie Memory gespielt hat. Zuerst ist er intensiv mit dem Mischen und Auslegen der Karten beschäftigt. Ich werde ihn gewinnen lassen, das bin ich schuldig. Er deckt zwei Karten auf und wieder zu. Ich decke zwei Karten auf und erwische zufällig ein Pärchen. Er deckt zwei Karten auf, wieder nichts. Ich decke eine Karte auf, das Pendant dazu hatte er bereits aufgedeckt. Ich bewege meine Hand suchend ganz weit an den Rand des Spielfeldes, allerdings zu zögerlich, er tippt auf das zugedeckte Gegenstück und hilft mir so, zu gewinnen.

Mein Stapel wächst und wächst in ungewollte Höhen. Der Versuch, ihm einige Karten unterzuschieben, scheitert kläglich, nach der Aktion wacht er mit Argusaugen über die Stapel. Ich gewinne, er heult, die Babysitterin ist genervt, weil sie doch eigentlich in Ruhe ihre Vormittagsserie schauen wollte.

Ich beschließe, meinen Ablass einfach zu bezahlen und frage die beiden, ob sie Lust auf Burger und Softeis haben. Die Babysitterin findet das total uncool, da würden nur noch alte Leute hingehen, cooler sei ein Sandwich-Laden. Sie überzeugt den Dreijährigen schnell, wobei „überzeugen“ hier nicht die richtige Formulierung ist, der Dreijährige kennt nun das Wort „uncool“.

Samstagvormittag zum Fond-Court des  Einkaufszentrums, das ist nun wirklich Buße tun. Erstaunlicherweise ist ein Familienparkplatz frei, diesmal habe ich sogar Kinder im Auto, also Blinker rechts und „first and best fit“ geparkt, Rolltreppe hoch zum Sandwich-Laden. Nach anfänglichem Zögern ermuntere ich die Babysitterin so viel zu bestellen, wie sie mag, es darf schließlich was kosten, auch wird die Eismenge ausreichend für drei Mal Bauchschmerzen sein. Die Bestellung ist so umfangreich, dass sie uns an den Tisch gebracht wird. Wir finden einen runden Tisch mit vier Plätzen und legen den Buzzer in die Mitte.

Nach einigen Minuten fängt es bunt an zu leuchten und ein Kellner trägt ein Tablett in unsere Richtung. Dabei verfängt sich sein Fuß in den Trageriemen der rosafarbenen Handtasche der Babysitterin und der Kellner geht bäuchlings zu Boden. Das ganze Essen, Ketchup, Getränke und Eis verteilen sich unter unserem Tisch. Ich helfe dem Kellner auf, er entschuldigt sich vielmals, Angestellte eilen herbei und das Malheur ist schnell beseitigt. Der Buzzer leuchtet wieder und wir bekommen unser Essen mit dem Hinweis, dass das selbstverständlich aufs Haus geht und wir nichts bezahlen müssen.

Ich gebe mit meinem Bußverlangen für heute auf, das ist kein Tag zum Scheitern. Ich schnalle den Dreijährigen auf seinen Kindersitz und schließe die hintere Tür. Während ich einsteige, hält neben mir ein Kombi, dessen Fahrer mich lautstark beschimpft, dass das Parkplätze für Familien seien Ich antworte ihm gelassen: „Exakt!“

Von Werner in der Reihe „Heiter scheitern

Ich scheitere am Altern – Heiter scheitern

Der Volksmund, der ja so vieles besser und manchmal sogar gut zu benennen weiss, sagt ja man sei so alt wie man sich fühle.

Ich scheitere nicht nur daran mich selbst altersgemäß zu fühlen, sondern auch daran andere Menschen altersgerecht einzuordnen. Größe und Aussehen sind mir da keine wirkliche Hilfe. Ab 24 Monaten aufwärts bin ich aufs Nachfragen angewiesen und auch die Tatsache, daß Grundschulkinder ja gelegentlich noch mit dem Buggy bis zur Tür des Klassenzimmers gefahren werden, macht es für mich nicht einfacher.
Als Jugendliche war meine oberste Präferenz ,das Alter betreffend, endlich 18 zu werden. Ob mich jemand für älter oder jünger hielt, war mir egal und ausgesprochen unwichtig. Deshalb hat sich mir auch noch nie erschlossen warum manche Menschen beharrlich seit Jahren ihren 29. Geburtstag feiern. Das provoziert doch die Antwort „Echt? Du siehst aber viel älter aus”.

Irgendwie war ich immer zu beschäftigt um altersgerecht zu verzweifeln. Mit 30 war ich alleinerziehend mit einem Säugling und die Anzahl meiner Falten mein geringstes Problem.
Mit 40 hatte ich die Diagnose einer chronischen Krankheit und war wie wild damit beschäftigt irgendwie damit zurecht zu kommen und meine Existenz zu sichern.

Der fünfzigste Geburtstag barg keine Schrecken weil selbige Krankheit mir einen Mann beschert hat der mich sein junges Ding nennt weil ich ein halbes Jahr jünger bin als er. Nichts macht so alt wie der verzweifelte Versuch jünger zu wirken. Und nichts hält so jung wie einfach zu machen wozu man gerade Lust hat und was die Situation hergibt.

Wenn mein Schatz mit seinen 53 Jahren an keiner Mauer und keiner Einfassung vorbei kann ohne darauf zu balancieren macht ihn das in meinen Augen sehr viel jugendlicher als einen 40 jährigen der sein Bike in den SUV packt und damit 30 Kilometer in die Landschaft fährt um Sport zu treiben.

Und wenn er bei Minusgraden bis zur Wade in die Lippe steigt während ich quiekend am Ufer auf und ab tigere, würde sich jeder rundum erneuerte und faltenunterspritzte Fitnessjünger mit Grausen abwenden.
Seine Mutter hat sich mit 82 noch einmal Ohrlöcher stechen lassen. Und das finde ich um Ecken lässiger als jedes Nippel-Piercing einer 40-jährigen. Übrigens werde ich öfters jünger geschätzt seit ich meine Haare nicht mehr färbe.

Auch hier weiss der Volksmund Rat. „Schnee auf dem Dach, aber im Kamin ist noch Feuer.”

Von Helga in der Reihe „Heiter scheitern