Kulturschaffende suchen ein Zuhause – Teil 2

(Alle Texte sind nur unwesentlich veränderte Zitate aus Beiträgen der Serie „Tiere suchen ein Zuhause“, die seit 1991 bis heute Sonntags im WDR ausgestrahlt wird. Die Namen aller Personen sind frei erfunden. Jegliche Ähnlichkeit mit lebenden oder realen Personen wäre rein zufällig.)

Kurzreportage 2:

Anmoderation:
Was macht mein Kneipenleser, wenn er sich unbeobachtet fühlt, wenn er allein Zuhause ist? Wir haben das Experiment gewagt und haben einige besondere Kandidaten mal mit der versteckten Kamera gefilmt.

Moderator:
Solange ihre Zuhörer dabei sind, können sie kein Wässerchen trüben. Doch was geht ab, wenn die Zuhörer aus dem Haus sind? Katrin und Bernward aus Elsen leben mit 3 Kneipenlesern zusammen.

Bernward:
Sie müssen eigentlich regelmäßig alleine Zuhause bleiben. Wir sind beruflich relativ unterschiedlich unterwegs. Ja, 5 bis 6 Stunden würd‘ ich sagen, so um den Dreh, normalerweise, selten, dass es länger wird.

Katrin:
Doch in letzter Zeit gab es dabei immer wieder Probleme.
Wir kamen wieder, die Bücher aus den Regalen waren im ganzen Bereich des Wohnzimmer verteilt, alles zerfleddert, man weiß nicht so genau, wie es passiert ist, wer vielleicht es von den mehreren Kneipenlesern war.

Bernward:
Oder die Nachbarn beschweren sich, weil sie sagen, da wird laut rezitiert: dann will man das genauer wissen, …

Katrin:
…und dann macht es schon Sinn, sich das mal anzugucken, was der Kneipenleser macht, wenn er alleine ist.

Moderator:
Um zu sehen, was die Leser alleine treiben, installieren wir in der gesamten Wohnung Minikameras. Dann bitten wir Katrin und Bernward, sich wie immer von den Lesern zu verabschieden und die Wohnung zu verlassen.
Noch sind alle Kneipenleser ganz entspannt. Lutz, Norbert und Heike warten artig vor dem Lesergitter – bis die Haustür ins Schloss fällt.
Sofort ist Action angesagt:

Katrin:
Mensch, das ist aber krass! Und gekonnt! Ja, natürlich, sie weiß ja, wo die „Landlust“ liegt! Und wie der Norbert ganz oben ans Regal kommt!

Moderator:
Buch für Buch packt Norbert aus dem Wandregal.
Und? Stört Euch das, wenn Lutz so im Nachtschränkchen wühlt?

Bernward:
Phhh, ja, also die richtige Lektüre für den ist das jetzt nicht.

Moderator:
Und kaum ist der „Bildband“ durch, wird die Suche systematisch in der ganzen Wohnung fortgesetzt. In jeder Schublade und unter jeder Matratze könnte was Prickelndes stecken. Die akribische Suche dauert fast eine Stunde.
Ich staune ganz schön über Eure Gelassenheit. Also, bei mir würden 2 Emotionen hochkommen: erstens würd‘ ich mich schämen. Und zweitens wär ich so sauer!

Katrin:
Ja, aber inzwischen denk‘ ich mir einfach: wenn‘s den Kneipenlesern danach doch gut geht: dann war‘s nicht so schlimm!

Bernward:
Aber, es ist trotzdem nicht schön und wir werden, äh, uns, denk ich mal, mal dran machen, dass die vielleicht lernen, nicht überall ihre Nase reinzustecken.

Moderatorin:
Ich hab mich hier im Kulturheim mal ein bisschen umgeschaut, und da ist mir eine ganz besondere Künstlerin aufgefallen: die Friderike. Nämlich eine Bildhauerin, die jeglichen Vorurteilen widerspricht.
Hallo Frau Ikenkötter, grüße Sie!

Heim-Mitarbeiterin:
Hallo, das ist unsere Friderike, ein ganz besonderes Schätzchen, die total lieb, verschmust und verspielt ist, trotz ihrer schrecklichen Vorgeschichte.

Moderatorin:
Was ist passiert?

Heim-Mitarbeiterin:
Die Bildhauerin wurde im Dezember von den Behörden beschlagnahmt. Ihr Mäzen hatte sie im Garten gehalten bei Wind und Eis und Schnee und Minustemperaturen, ohne Hammer und Fäustel! Die Bildhauerin war nur noch Haut und Knochen! Sie hat ganz rührend mit dem Halseisen ihren eigenen Namen in den Carrara-marmornen Terassenboden geschabt. Die Friderike musste sich jetzt natürlich erst mal erholen.

Moderatorin:
Wie hat sie sich bei Euch entwickelt im Kulturheim?

Heim-Mitarbeiterin:
Sie ist praktisch jeden Tag ein bisschen mehr in ein schönes Leben gegangen. Die Friderike ist freundlich, lebhaft, aktiv. Und mir ist aufgefallen, dass die Friderike eine ganz Sanfte ist. Auch beim Schlagbohren. Die neuen Besitzer müssen nur noch den Test zur Maulkorbbefreiung mit ihr machen. Aber den schafft sie bestimmt mit links.(Goldig: Hier macht Friderike sogar Frauchen!)

Und das ist Ronny. Ronny ist Zauberer, (Ronny, auf und ab gehend und ins Publikum grinsend, versucht Karten zu mischen, während sich etwas unter dem Zylinder auf seinem Kopf bewegt.) 43 Jahre alt und ist abgegeben worden, weil er auf Betriebsfesten nach seiner Assistentin, äh, er angefangen hat, die weibliche Belegschaft zu zersägen. Ja, und, äh, das fand die männliche Belegschaft ein bisschen gefährlich und, äh, die haben ihn dann vor die Tür gesetzt.
Ronny sucht einen dominanten Betriebleiter, der ihm zeigt, welche Tricks firmenkompatibel sind. Bei straffer Führung und wenn man ihn richtig brieft, kann Ronny ein ganz umgänglicher Zauberer sein, mit dem man richtig Spaß haben kann.

Moderatorin:
Hier haben wir jetzt einen ganz traurigen Fall: der kleine Erkan ist ein Gaukler-Mischling – ich glaube, ein bisschen Seiltänzer und Murmeltierführer sind da wohl auch noch mit drin -, der ausgesetzt worden ist.
(Erkan, an der Roll-Hundeleine, versucht sich dauernd hinter dem Sitzstrohballen der Moderatorin zu verstecken, wird von der Heimleiterin aber immer wieder hervorgezerrt.)

Heimleiterin:
Man hat ihn vor einer hessischen Autobahntankstelle an einen Zeitungsständer festgebunden aufgefunden. An einer Roll-Hundeleine. Man sieht auch daran, dass er kupiert ist, dass er aus dem Süden kommt. Hier ist das ja verboten. Er war in einem furchtbar verwahrlosten Zustand. Wir schätzen, er ist ca. 63 Jahre alt. Aber er ist trotzdem noch lernfähig. Er kann inzwischen sogar schon etwas auf der Slackline balancieren. Wir würden ihn gerne als Mitleids-Solonummer an einen kleinen Wanderzirkus vergeben. Mit anderen Gauklern wird es, fürchte ich, nicht so klappen. Denn Erkan ist ein Angstbeißer. Also, wenn sie einen kleinen, heruntergekommenen Zirkus mit anspruchslosem Publikum haben, wäre es wunderbar, wenn sie diesem armen Wicht noch einige schöne Jahre verschaffen könnten.


Moderatorin:
Ich wünsche eine gute Vermittlung und (zum Publikum gewandt) Ihnen einen schönen Sonntagabend.
Abspann (mit leiser Musik, „(How Much Is That) Doggie In The Window“, gesungen von Patti Page)

 

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